Irgendwann kommt bei vielen der Wunsch: Die Geschichten der Großeltern festhalten, bevor sie verloren gehen, oder das eigene Leben einmal aufschreiben. Eine Biografie schreiben heißt, ein Leben in eine erzählbare Ordnung zu bringen. Mit einem klaren Aufbau, guten Fragen und kleinen Schritten gelingt das auch ohne Schreiberfahrung.
Auf einen Blick
- Biografie = Lebensbeschreibung; Autobiografie = Darstellung des eigenen Lebens; Memoiren = Lebenserinnerungen mit Blick auf die Zeitgeschichte (nach Duden).
- Aufbau: Chronologisch nach Lebensphasen gibt dir ein fertiges Gerüst. Alternativ schreibst du einzelne Erinnerungen auf und ordnest sie später.
- Fragen nach Lebensphasen helfen beim Erinnern, bei dir selbst und im Gespräch mit anderen.
- In der Pflege heißt das Biografiearbeit: Lebensgeschichte als Grundlage für individuelle Begleitung.
Biografie, Autobiografie, Memoiren: der Unterschied
| Begriff | Bedeutung laut Duden | Wer schreibt? |
|---|---|---|
| Biografie (auch: Biographie) | Beschreibung der Lebensgeschichte einer Person; auch: Lebenslauf, Lebensgeschichte eines Menschen | meist eine andere Person |
| Autobiografie | literarische Darstellung des eigenen Lebens | die Person selbst |
| Memoiren | Lebenserinnerungen, in denen neben der persönlichen Entwicklung besonderes Gewicht auf den Ereignissen der Zeitgeschichte liegt | die Person selbst |
Ein Tagebuch ist Rohmaterial für eine Autobiografie: Jeder Eintrag hat ein Datum und hält Details fest, solange sie frisch sind. Das gilt auch für kurze Formen. Ich führe seit mehr als einem Jahr ein Bullet Journal mit Monats- und Wochenübersichten und Daily Log, dazu ein Lesetagebuch mit Titel, Autor, Datum und Bewertung jedes Buchs. Solche datierten Einträge kannst du direkt auf den Zeitstrahl aus Schritt 2 übertragen, zum Beispiel: Welche Bücher haben dich in welchem Jahr begleitet?
Biografie schreiben in 6 Schritten
- Ziel klären: Für wen schreibst du? Für dich, die Familie, die Enkel oder sogar für eine Veröffentlichung? Das bestimmt Umfang und Ton.
- Material sammeln: Fotos, Briefe, Urkunden, Zeugnisse, alte Tagebücher, Kalender. Ein Zeitstrahl mit den wichtigsten Daten hilft beim Ordnen.
- Erinnerungen wecken: Mit Fragen nach Lebensphasen (siehe unten), Orten, Gerüchen, Liedern.
- Gliederung festlegen: Die naheliegende Ordnung ist chronologisch: Herkunft, Kindheit, Jugend, Ausbildung und Beruf, Familie, spätere Jahre. Eine Alternative steht unter dem Muster weiter unten.
- In Episoden schreiben: Schreib einzelne Geschichten von ein bis zwei Seiten. Später werden sie zu Kapiteln.
- Überarbeiten und gestalten: Daten prüfen, Fotos einfügen, gegenlesen lassen. Dann entscheiden, ob es ein Ordner, ein Fotobuch oder ein gedrucktes Buch wird.
Muster: So kann eine Lebensgeschichte aufgebaut sein
| Kapitel | Inhalte |
|---|---|
| 1. Herkunft | Eltern, Großeltern, Geburtsort, Familiengeschichten |
| 2. Kindheit | Wohnung, Spiele, Freunde, Feste, erste Erinnerungen |
| 3. Schule und Jugend | Lehrer, Lieblingsfächer, erste Liebe, Musik, Mode |
| 4. Ausbildung und Beruf | Berufswahl, Kollegen, Erfolge, Brüche |
| 5. Partnerschaft und Familie | Kennenlernen, Hochzeit, Kinder, Umzüge |
| 6. Wendepunkte | Krisen, Verluste, Neuanfänge |
| 7. Heute und Rückblick | Alltag, Hobbys, was wichtig war, was man weitergeben möchte |
Was gegen die strenge Chronologie spricht
Die Chronologie ist nicht die einzige Ordnung. Die Biografin Claudia Löschner empfiehlt im Blog des Biographiezentrums, einer Vereinigung von Biografinnen und Biografen, Erinnerungen als einzelne Szenen in der Reihenfolge aufzuschreiben, in der sie kommen, und sie erst danach zu ordnen. Der Ratgeber der Fernschule SGD nennt neben der chronologischen eine thematische Struktur nach Bereichen wie Familie, Karriere oder Herausforderungen und hält den Einstieg mit einem prägenden Schlüsselmoment oft für spannender. Beide Anbieter verdienen am Schreiben anderer (Auftragsbiografien, Schreibkurse).
Zur Einordnung: Die Chronologie hilft dir, wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, und wenn die Familie das Ergebnis als Nachschlagewerk nutzen will. Drängt sich dagegen eine bestimmte Erinnerung auf oder hat ein Wendepunkt dein Leben geprägt, fang dort an. In die Reihenfolge der Tabelle oben kannst du die Episoden auch später noch bringen.
Fragen für die Lebensgeschichte
Ob du dein eigenes Leben aufschreibst oder Eltern und Großeltern interviewst: Offene Fragen bringen Geschichten hervor.
- Kindheit: Wie sah das Zuhause aus? Was gab es sonntags zu essen? Welches Spielzeug war das liebste?
- Schule: Wie war der Schulweg? Welche Lehrerin ist in Erinnerung geblieben, und warum?
- Jugend: Welche Musik lief? Wo traf man sich? Was war verboten?
- Beruf: Wie kam es zur Berufswahl? Was war der schönste, was der schwierigste Arbeitstag?
- Familie: Wie habt ihr euch kennengelernt? Wie war die Geburt der Kinder?
- Zeitgeschichte: Wo warst du bei großen Ereignissen, die alle betrafen? Was hat sich im Alltag dadurch verändert?
- Rückblick: Worauf bist du stolz? Was würdest du anders machen? Was sollen die Enkel wissen?
Tipp fürs Interview: Gespräch (mit Einverständnis) aufnehmen, Fotos als Auslöser nutzen, nicht unterbrechen und dieselbe Geschichte ruhig ein zweites Mal erzählen lassen.
Biografiearbeit in der Pflege
In der Altenpflege und Demenzbegleitung ist die Lebensgeschichte ein Werkzeug. Laut einem Fachbeitrag des Forum Verlags (2024), eines Verlags für Pflege-Fachinformationen, soll Biografiearbeit die Pflege individueller machen, Vertrauen aufbauen und die Identität der Menschen stärken. Der Wegweiser Demenz, ein Portal des Bundesfamilienministeriums, bezeichnet Biografiearbeit in einem Beitrag von 2023 als wichtigen Teil der Pflege von Menschen mit Demenz: Sie biete Zugangswege zu den Betroffenen, stärke ihre Identität und helfe, ihr Verhalten zu verstehen. Festgehalten werden die Informationen oft in einem Biografiebogen:
| Bereich | Beispiele |
|---|---|
| Familie und Herkunft | wichtige Bezugspersonen, Wohnorte |
| Schule, Arbeit, Reisen | Schulzeit, Beruf, Kollegen, Urlaube und Reisen |
| Beziehungen | Partnerschaft, prägende Menschen |
| Gewohnheiten und Rituale | Tagesablauf, Feste, Jahreszeitenbräuche |
| Vorlieben | Lieblingsessen, Musik, Filme, Hobbys |
| Lebensereignisse | Träume, Höhepunkte, Krisen, Verluste |
Biografiearbeit braucht Feingefühl. Der Wegweiser Demenz weist darauf hin, dass traumatische Erlebnisse wieder wach werden können; Angehörige sollten Pflegekräfte deshalb auf Themen hinweisen, die besser ausgespart bleiben. Laut Forum Verlag sollten Gespräche dabei kein Verhör werden. Daneben können Angehörige Hintergründe beisteuern. Welche Vorlagen und Dokumentationsformen eine Einrichtung verwendet, ist unterschiedlich. Frag im Zweifel nach der hauseigenen Vorlage. Belasten Erinnerungen dich oder einen Angehörigen stark, sprich mit der Hausärztin oder dem Hausarzt oder mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten.
Mit dem Tagebuch anfangen
Wenn du deine Erinnerungen laufend festhalten willst, ist ein Tagebuch ein guter Anfang, zum Beispiel mit den Journaling-Fragen oder einem 5-Jahres-Tagebuch.
Häufige Fragen
Wie lang sollte eine Biografie sein?
Dafür gibt es keine feste Regel. Der Umfang ergibt sich aus deinem Ziel (Schritt 1) und aus dem Material, das du hast. Auch eine Sammlung einzelner Episoden mit Fotos ist schon eine Lebensgeschichte.
In welcher Zeitform schreibe ich eine Biografie?
Die Vergangenheit (Präteritum) liegt nahe, weil du über Abgeschlossenes erzählst. Eine Autobiografie wird in der Ich-Form erzählt, eine Biografie über andere in der dritten Person oder als Wiedergabe von Interviews.
Kann ich meine Biografie schreiben lassen?
Ja, es gibt Biografinnen und Biografen sowie Ghostwriter, die Lebensgeschichten im Auftrag schreiben. Kosten und Leistungen können sich stark unterscheiden; lass dir vorab ein Angebot und Textproben geben.
Quellen
- Duden: Biografie, Autobiografie, Memoiren
- Forum Verlag Herkert, T. Reddel (16.05.2024): Biografiearbeit in der Pflege: Definition, Ziele und Methoden
- Wegweiser Demenz (Bundesfamilienministerium), J. Gust (17.02.2023): Sensible Biographiearbeit
- Biographiezentrum, C. Löschner: Der große Kraftakt. Wie das Schreiben Ihrer eigenen Biographie leichter werden kann
- SGD Studiengemeinschaft Darmstadt: Autobiographie schreiben Schritt für Schritt
